Bauchklang
Beatbox - Human Sounds - Vocal Grooves
Der Grossteil der heimischen Pop-Elite ist „weltberühmt in Österreich“. Von kosmopolitischem Erfolg lässt sich
aber erst erzählen, wenn man etwa in einer Stadt reüssiert, die allein dreimal soviele Einwohner hat wie die
gesamte Republik. Was Bauchklang in Mumbai gelang, dem wirtschaftlichen Zentrum Indiens. Welcome to a
magical mystery tour. Von oben, vom Flieger aus betrachtet, wirkt die Stadt eigentlich recht harmlos. Was vielleicht daran liegt, daß ihre Grenzen nicht recht abzustecken sind auf einer imaginären Landkarte. Und nächtens der Lichterschein weniger gleissend, dicht und stolz funkelt als in vielen urbanen Knotenpunkten dieses Planeten.
Aber Mumbai, bis Mitte der neunziger Jahre landläufig unter dem Namen Bombay bekannt, ist eine gewaltige
Metropole. In jeder Hinsicht. Das wirtschaftliche Zentrum Indiens. Die wichtigste Hafenstadt eines Erdteils. Kulisse
von Bollywood, der weltgrössten Filmindustrie-Maschinerie. Und wenn wir schon bei Superlativen sind: ob diese
Metropole jetzt die bevölkerungsreichste der Welt ist (im engeren Sinne: 13,7 Millionen Einwohner zählt Mumbai
bereits ohne Vorortegürtel, mehr als 21 Millionen die gesamte Region, aber die Behörden sind eher auf
Schätzungen angewiesen denn auf exakte Statistiken) oder nur die fünftgrösste, ist relativ.
Relativ egal, da einen Mumbai vulgo Bombay – beide Namen stehen in Verwendung – bei gleissendem Tageslicht
anspringt wie ein als (Wirtschafts-)Tiger getarntes Alien. Was der Reiseführer in sachlich-unterkühlter Diktion
„unzureichende Entsorgungsund Reinigungskapazitäten für Abwasser, Abgase und Abfälle nennt“, dringt schon
wenige Minuten nach der Landung in Mund, Nase, Augen. Es stinkt. Mitreisende in einem der Abermillionen
schwarzgelben, Trabant-artigen „Premier“-Taxis (die rasch zur mobilen Standardbehausung mutieren, obwohl ein
durchschnittlicher Europäer noch nicht mal ohne Rückenverkrümmung drin sitzen kann) witzeln, selbst die
Luxushotels in der Nähe des Flughafens hätten ein Problem, das sich mit Luftfiltern und Ventilatoren nicht lösen
liesse: die Stadt selbst.
Diesen Moloch von Stadt. Menschen, Menschen, Menschen, wohin das Auge blickt. Zu jeder Tages- und
Nachtzeit. Dann sind die Bettdecken oft aus Asphalt. Ein Ameisenhaufen auf Amphetamin. Oder Chai Tee. Etwa
die Hälfte der Bevölkerung Mumbais lebt in Slums, ohne Wasseranschluss und Kanalisation. Daß der jährlich vier
Monate lang anhaltende Monsunregen die Megatonnen an Müll, Schlamm, Staub und Dreck regelmässig
hinwegspült wie eine Sintflut, löst das Problem nicht. Im Gegenteil. Es verschärft die Situation. Die unabwendbare
Vermengung von Nutz- und Abwasser ist Seuchenherd Nummer eins. Impfungen sind nicht Pflicht, werden aber
dringend angeraten. Die Bevölkerungsdichte – etwa die zehnfache einer durchschnittlichen europäischen
Metropole – ist abnorm. Die kaum je absente Hitze wirkt wie ein zusätzlicher Brennspiegel. Babylon lässt grüssen.
Apropos: die Sprachverwirrung hält sich – trotz zweihundert in diesem Schmelztiegel der Kulturen gebräuchlicher
Sprachen und Dialekte – in Grenzen. Englisch liegt offiziell nur an zwölfter Stelle der Nutzer-Statistik. Und wird
hier doch so gut wie jedem gesprochen. Zumindest rudimentär. Oder äusserst elegant. Und mit kosmopolitischem
Selbstverständnis. Wie im Fall von Dhruv Ghanekar, einem Musiker, Studiobetreiber und Gesellschafter des „Blue
Frog“. Er ist die eigentliche Triebfeder hinter der Einladung an die Bauchklang-Jungs. Daß Philipp Sageder, ein
Fünftel der Acappella- Formation, mit einer Inderin verheiratet ist, hat wohl auch mitgeholfen. Und über die
Qualität von Bauchklang, die hierzulande zu den Publikums- und FM4-Lieblingen zählen, zwei „Amadeus Awards“
kassiert haben und nun, an diesem exotischen Ort, ihr erstes Live-Dokument einspielen wollen, besteht nach
kurzem Online-Check selbst im fernen Osten kein Zweifel. Die lokale Presse überschlägt sich schon in der Luft,
bevor Bauchklang auch nur einen Ton von sich geben. Das „Time Out Magazine“ bringt einen ersten Vorbericht.
Die „Hindustan Times“ und der „Mumbai Mirror“ ziehen nach.

